AMNESTY KÜRT PREISTRÄGER*INNEN DES 12. MARLER MEDIENPREIS MENSCHENRECHTE

Die Jurys des Marler Medienpreis Menschenrechte haben am 24. September 2022 bei einer feierlichen Verleihung unter der Schirmherrschaft von Sonia Mikich im Grimme-Institut in Marl die diesjährigen Preisträger*innen ausgezeichnet.

Sonia Mikich sagte in einer Videobotschaft: „Wir brauchen – ich sage das bewusst – einen aktiven, kämpferischen Journalismus, der keine Angst vor Konfrontationen hat. Der nicht hasenherzig und ausgewogen ist, wenn es um Täter und Opfer geht. Mein Respekt, meine Zuneigung gilt den vielen Aktiven, die gegen undemokratische Übergriffe, subtile Diskriminierung und grobes Unrecht kämpfen. Der Marler Medienpreis Menschenrechte ehrt Ihre Arbeit, Ihre Beharrlichkeit. Ihren Dienst an das Gemeinwohl. Ich gratuliere von Herzen.“

Durch die Verleihung des 12. Marler Medienpreis Menschenrechte führte Katja Leistenschneider.

Die Jurys haben aus zahlreichen Einreichungen Beiträge in den drei Kategorien Information Video, Information Audio / Print sowie Fiktion ausgezeichnet. Zusätzlich wurden ein Preis der Amnesty Jugend sowie ein Ehrenpreis an Isabel Schayani vergeben, der ihre Arbeit und ihr beispielhaftes Engagement im Einsatz für die Menschenrechte würdigt.

Preisträger*innen des 12. Marler Medienpreis Menschenrechte

INFORMATION VIDEO

Wikileaks – Die USA gegen Julian Assange

Redaktion: NDR / WDR
Autor*innen: Robert Holm; Elena Kuch
Redakteur*innen: John Goetz, Barbara Biemann, Stephan Wels, Petra Nagel

Der Film beschreibt über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren die Ereignisse um den Whistleblower Julian Assange. In der Dokumentation kommen Unterstützer*innen wie Gegner*innen von Assange zu Wort und zeichnen ein differenziertes Bild der polarisierenden Persönlichkeit. Es wird deutlich, dass an Assange auch exemplarisch verhandelt wird, wie unsere Gesellschaft politisch mit Personen und Institutionen umgeht, die Kriegsverbrechen oder menschenrechtsverletzende Aktionen von Staaten offenlegen. Ein beeindruckendes Werk über das Grundrecht der Pressefreiheit.

INFORMATION AUDIO / PRINT

Der letzte Tag – Das Attentat von Hanau

Redaktion: Deutschlandfunk Kultur / WDR / NDR
Autor: Sebastian Friedrich
Redakteurin: Katrin Moll

Der Beitrag „Der letzte Tag – Das Attentat von Hanau“ beginnt mit der Schilderung des heutigen Alltags der Familien in Hanau-Kesselstadt, die beim Anschlag 2020 Angehörige verloren haben. Der Abend des Attentats wird anhand von bewegenden Interviews mit Hinterbliebenen und Zeug*innen erzählt. Der Mut und die Stärke der Hinterbliebenen, die sich dem anhaltenden Rassismus stellen, auf Veränderungen in Politik und Gesellschaft drängen und die Erinnerung an die Opfer wachhalten, sind beeindruckend. Der Beitrag überzeugt dadurch, dass die Betroffenen im Mittelpunkt stehen und wir die Geschehnisse aus ihrer Perspektive erfahren.

FIKTION

Was werden die Leute sagen

Redaktion: ZDF / ARTE
Autorin: Iram Haq
Redakteur*innen: Claudia Tronnier (ZDF / Das kleine Fernsehspiel), Doris Hepp (ZDF / ARTE)

Mit dem Spielfilm verleiht die Autorin Iram Haq Einblick in ihre persönliche Geschichte als norwegische Frau mit pakistanischen Wurzeln. Die 15-jährige Nisha lebt in Norwegen als Tochter einer traditionsorientierten Familie aus Pakistan. Als die Teenagerin die Regeln ihrer Familie verletzt, wird sie zu ihr unbekannten Verwandten nach Pakistan verschleppt. Ein vielschichtiger Film über die Verhandlung von Frauenrechten im heutigen Pakistan.

PREIS DER AMNESTY JUGEND

Ich bin Liv – Leben als Transkind

Redaktion: WDR
Autorin: Dr. Jana Magdanz
Redaktionsleiter: Andreas Blendin

Eindrücklich und persönlich erzählt Liv in diesem Podcast aus ihrem Leben als Transmädchen. Liv berichtet von der Unterstützung, die sie durch ihre Familie und Freund*innen erfährt, von ihrem Alltag in der Schule und von hormonellen Veränderungen. Eine Radiogeschichte, die Kindern wie Erwachsenen die Erfahrungen von Transpersonen näherbringt und das Recht auf Gleichheit und Solidarität stärkt.

Die Preisverleihung ist unter folgendem Link zu sehen:

Schirmherrin 2022: Sonia Seymour Mikich

Nominierte und Preisträger


v.l.n.r.: Sherif Rizkallah, Elena Kuch, Maximilian Höhnle, Willi Kubica, Isabel Schayani, Mohammad Farokhmanesh, Arndt Peltner, Sebastian Friedrich, Dr. Jana Magdanz

© Günter Scholten

Das m3-Team

© Günter Scholten

Ehrenpreisträgerin 2022: Isabel Schayani

© WDR

„Man zweifelt oft an dem, was man dreht, textet, schneidet, sendet. Da ist eine Auszeichnung wie diese eine wunderbare Bekräftigung des inneren Kompasses, und es freut mich sehr, dass die Bedeutung der Berichterstattung über Flucht und Migration Aufmerksamkeit erhält. Das Thema wird – leider – weiterhin wichtig bleiben.“

Über Isabel Schayani: Isabel Schayani – Wikipedia

Die Jurys des Marler Medienpreis Menschenrechte freuen sich, die Nominierungen für den diesjährigen Medienpreis der Menschenrechtsorganisation bekanntzugeben.

Aus fast 100 Einsendungen werden Beiträge in den drei Kategorien Information Video, Information Audio / Print sowie Fiktion ausgezeichnet. Zusätzlich werden ein Preis der Amnesty Jugend sowie ein Ehrenpreis vergeben.

Die Preisträger*innen des Marler Medienpreis Menschenrechte 2022 werden am 24. September bei der Preisverleihung im Grimme-Institut in Marl bekanntgegeben.

Die Jurys nominieren folgende Beiträge und senden herzliche Glückwünsche:

 

Kategorie Information Video

Europas Schattenarmee: Pushbacks an der kroatisch-bosnischen Grenze
Redaktion: WDR Monitor
Autor*innen: Shafagh Laghai, Nicole Vögele, Klaas van Dijken, Jack Saproch, Srdjan Govedarica, Andrea Beer, Jerko Bakotin, Phevos Simeonidis, Bashar Deeb, Steffen Lüdke, Els van Driel, Andrei Popoviciu, Lamia Šabić, Danka Derifa
Redaktionsleitung: Georg Restle

Der Bericht untersucht eine nicht so bekannte menschenrechtsverletzende Praktik an der bosnisch-kroatischen Grenze, um die Außengrenze der EU gegenüber Geflüchteten per illegalen Pushbacks abzuschotten. Dies geschieht unter Inkaufnahme von gesetzeswidrigen Polizeiaktionen und brutalen Übergriffen gegen die Geflüchteten. Es werden eindrücklich die verzweifelten und wiederholten Versuche von Familien, die von Bosnien/Herzegowina nach Kroatien in die EU gelangen wollen, gezeigt. Ein Bericht, der aufgrund der Brutalität und Illegalität, mit der Geflüchteten der Zutritt zur EU verwehrt wird, die Zuschauer*innen betroffen hinterlässt.

Wikileaks – Die USA gegen Julian Assange
Redaktion: NDR / WDR
Autor*innen: Robert Holm; Elena Kuch
Redakteur*innen: John Goetz, Barbara Biemann, Stephan Wels, Petra Nagel

Der Film beschreibt über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren die Ereignisse um Julian Assange. Es wird anhand von Fakten und Interviews mit Unterstützer*innen wie Gegner*innen das Geschehen ausführlich untersucht. Es wird mit vielen Gerüchten, die zu Assange und seiner Persönlichkeit existieren, aufgeräumt. Die politischen Aktivitäten im Hintergrund und der schonungslose Umgang mit Menschen, die Kriegsverbrechen oder menschenrechtsverletzende Aktionen eines Staates offenlegen, werden enthüllt. Der Film zeigt, dass es nicht nur um Assange geht, sondern um die Bedrohung von Enthüllungsplattformen, investigativen Journalismus, Whistleblowern und vor allem um die Pressefreiheit.

Re: Frauenmorde in der Türkei
Redaktion: ZDF / ARTE
Autor*innen: Sabine Küper-Büsch, Thomas Büsch
Redakteur: Frederic Ulferts

Jeden Tag wird eine Frau in der Türkei durch Partner und/oder Familienangehörige ermordet. Der Film zeigt die Tatenlosigkeit der Regierung, der Polizei, der Gerichte auf. Aber auch, wie der Widerstand und Kampf vieler türkischer Frauen dagegen wächst, wie Frauen, trotz Drohungen, über diese Gewalt und Morde gegen Frauen aufklären, die Verfolgung/Bestrafung der Täter*innen verlangen, die Öffentlichkeit mobilisieren. Ein einfühlsamer, berührender Film, der gleichzeitig Hoffnung macht.

 
Kategorie Information Audio / Print

Mein Freund im Todestrakt

Redaktion: Deutschlandfunk Kultur
Autor: Arndt Peltner
Redakteurin: Ellen Häring

Der Beitrag „Mein Freund im Todestrakt“ beschreibt den seit 1994 bestehenden Kontakt des Journalisten Arndt Peltner zum Todestraktinsassen Reno, der seit über 40 Jahren in St. Quentin einsitzt. Der Beitrag veranschaulicht die harten Lebensumstände im Todestrakt, die abstumpfende Routine und schwindende Hoffnung, zeigt aber auch einfühlsam die Bedeutung von Kontakten zur Außenwelt für einen Gefangenen wie Reno und seine Versuche, mit Hilfe von Kreativität aus der Routine auszubrechen. Die einfühlsame Art des Beitrags hat die Jury besonders beeindruckt.

Der letzte Tag – Das Attentat von Hanau
Redaktion: Deutschlandfunk Kultur / WDR / NDR
Autor: Sebastian Friedrich
Redakteurin: Katrin Moll

Der Beitrag „Der letzte Tag – das Attentat von Hanau“ beginnt mit der Schilderung des Alltags der betroffenen Familien in Hanau-Kesselstadt, die sich trotz aller Schwierigkeiten und des Rassismus etwas aufgebaut haben. Der Abend des Attentats wird anhand von bewegenden Interviews mit Hinterbliebenen und Zeug*innen erzählt. Der Mut und die Stärke der Hinterbliebenen, die seitdem auf Veränderungen in Politik und Gesellschaft drängen und die Erinnerung an die Opfer wachhalten, sind beeindruckend. Der Beitrag überzeugt dadurch, dass die Betroffenen im Mittelpunkt stehen, und wir die Geschehnisse aus ihrer Perspektive erfahren.

Slahi – 14 Jahre Guantanamo
Redaktion: NDR
Autoren: Bastian Berbner, Ole Pflüger, John Goetz
Redakteurin: Johanna Leuschen

Der zwölfteilige Podcast „Slahi – 14 Jahre Guantanamo“ beschreibt den Weg von Mohamedou Ould Slahi aus Mauretanien, der im Zuge des „War on Terror“ nach Guantanamo verschleppt und dort gefoltert wurde. Der Podcast beeindruckt durch seine fesselnde Darstellung und die Gespräche mit vielen Akteur*innen, wobei besonders die Gespräche mit den an der Folter Beteiligten herausstechen. Einmal mehr wird nicht nur die Unmenschlichkeit der Folter deutlich, sondern auch, dass sie den erhofften „Zweck“ nicht erfüllt.

 

Kategorie Fiktion

Endjährig

Redaktion: ZDF
Autor: Willi Kubica
Redakteur*innen: Burkhard Althoff, Varinka Link (ZDF / Das kleine Fernsehspiel)

Der Film „Endjährig“ entwirft ein düsteres Zukunftsszenario für Deutschland, Mitte des 21.Jahrhunderts. Aufgrund der Überalterung der Gesellschaft und der begrenzten Ressourcen soll eine Zwangssterblichkeit ab 80 Jahren eingeführt werden. Dies betrifft auch Milo, der mithilfe seines Sohnes fliehen will. Doch das Verhältnis zwischen beiden ist gestört. Die Handlung steuert auf einen dramatischen Höhepunkt zu.

Ayka
Redaktion: ZDF / ARTE
Autoren: Sergey Dvortsevoy, Gennadij Ostrovskij
Redakteur*innen: Doris Hepp (ZDF / ARTE), 
Christian Cloos (ZDF / Das kleine Fernsehspiel)

Die junge Kirgisin Ayka geht nach der Geburt ihres Sohnes auf der Suche nach Arbeit, Geld und ärztlicher Hilfe durch die Hölle in Moskau. Der heftige Schnee ist draußen ihr ständiger Begleiter und die Kamera bleibt stets dicht bei ihr. Ohne Aufenthaltsgenehmigung kämpft sie jeden Tag um ihre Menschenrechte und bewahrt sich trotz vieler Niederlagen ihre eigene Persönlichkeit mit kleinen Erfolgen. Ein Film, der unter die Haut geht und manchmal kaum auszuhalten ist.

Was werden die Leute sagen

Redaktion: ZDF / ARTE
Autorin: Iram Haq
Redakteur*innen: Claudia Tronnier (ZDF / Das kleine Fernsehspiel), Doris Hepp (ZDF / ARTE)

Mit dem Film verleiht die Regisseurin Iram Haq Einblick in ihre persönliche Geschichte als Teenagerin in Norwegen und Tochter einer traditionell lebenden Familie aus Pakistan. Als das 15jährige Mädchen die Regeln der Familie verletzt, wird sie zur der ihr noch unbekannten Familie nach Pakistan verschleppt. Mit der Zeit baut sie zwar Vertrauen zu der Kultur ihrer Eltern auf, doch stößt sie auch hier an ihre Grenzen.

Teheran Tabu
Redaktion: ZDF / ARTE / ORF
Autor: Ali Soozandeh
Redakteur*innen: Christian Cloos (ZDF / Das kleine Fernsehspiel), Doris Hepp (ZDF / ARTE), Heinrich Mis (ORF)

Vier scheinbar völlig verschiedene Menschen versuchen in der iranischen Hauptstadt zwischen Unterdrückung, Kontrolle und Tabus ihr Leben zu bewältigen. Als sich ihre Wege kreuzen, werden die Gemeinsamkeiten, aber auch die Widersprüche deutlich, die sich zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung immer wieder auftun. Teheran Tabu stellt sich gegen das Schweigen, das die autoritäre und patriarchale Gesellschaft im Iran bestimmt und stellt ihm gegen alle Widrigkeiten ein Moment des Aufbegehrens entgegen.

 

Preis der Amnesty-Jugend

Ich bin Liv – Leben als Transkind

Redaktion: WDR
Autorin: Dr. Jana Magdanz
Redaktionsleiter: Andreas Blendin

Eindrücklich und persönlich erzählt Liv in diesem Podcast aus ihrem Leben als Transmädchen. Liv berichtet von der Unterstützung, die sie durch ihre Familie und Freund*innen erfährt, von ihrem Alltag in der Schule und von hormonellen Veränderungen.

#endsars – Nigerias Kampf gegen Korruption und Polizeigewalt
Redaktion: ZDF Auslandsjournal
Reporter: Malcolm Ohanwe
Autor*innen: Malcolm Ohanwe, Sophie Apelt, Saskia Menges
Redakteurinnen: Anja Roth, Imke Meier  

Die Bilder einer gewaltvollen Auseinandersetzung zwischen der nigerianischen Polizei-Spezialeinheit SARS und jungen Nigerianer*innen gingen Ende 2020 um die Welt. Wie es zu der Widerstandsbewegung kam, die schlussendlich die Auflösung der Einheit erreichte, und welche Ziele und Visionen junge nigerianische Menschen weiterhin für das Land haben, beleuchtet der Beitrag aus unterschiedlichen Perspektiven.

Kanackische Welle: Ein Podcast von FUNK
Redaktion: FUNK
Autoren, Moderatoren und Redakteure: Malcolm Ohanwe, Marcel Aburakia
Abnehmende Redakteurinnen: Phuong Tran, Duygu Gezen

Der Podcast „Kanackische Welle“ behandelt Themen wie Zugehörigkeit, Diskriminierung und Rollenklischees in Deutschland und zielt mit diesem Format darauf hin, die Scham und das Stigma aufzulösen. In mehreren Episoden besprechen geladenene Gäste in lockerer Atmosphäre unter anderem den Holocaust an Sinti*zze und Rom*nja oder den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Weiterhin zeigen die Beiträge, wie wichtig es für die Betroffenen ist, dass zu den verschiedenen Problematiken Aufklärungsarbeit geleistet wird.

logo!: Kinder auf der Flucht – Wer kümmert sich um ihre Rechte?
Redaktion: ZDF
Reporter und Moderator: Sherif Rizkallah
Redakteur: Gordian Baur
Redaktionsleiterin: Eva Radlicki

Sherif Rizkallah von logo! ist in Griechenland auf der Suche nach den Kinderrechten von Geflüchteten. Nach einer kurzen Einführung in die Kinderrechte zeigt er seinen Besuch im Camp Ritsona, in dem die Geflüchteten abgeschottet von der Außenwelt wohnen. Ein Mädchen berichtet eindrucksvoll von ihrer Lage. In Athen interviewt Sherif Geflüchtete, die als freiwillige Helfer*innen zweier Nichtregierungsorganisationen aus dem Bildungs- und medizinischen Bereich tätig sind. Sherif zieht ein Fazit darüber, welche Kinderrechte gut geschützt werden, und wo sich was verändern muss.
© obs/Medienfachverlag Oberauer GmbH/Annika Fußwinkel

„Seid nicht zu nett“ – Interview mit Sonia Mikich (Anton Landgraf)

Sonia Mikich war Auslandskorrespondentin in Moskau und Chefredakteurin des WDR. Sie ist Schirmherrin des diesjährigen Marler Medienpreis von Amnesty International. Ein Gespräch über Zeitenwenden in Russland, investigative Geschichten und leise Rebellen.

Vermissen Sie Moskau?

Ich wäre gerne in Moskau, aber ich wüsste nicht, wie gut ich verdrängen kann, dass dort ein Kriegspräsident das Sagen hat. Ich habe Moskau geliebt, es war für mich magisch. Warum? Weil es damals, in den 1990er Jahren, ebenfalls eine Zeitenwende gab.

Die Jelzin-Ära war für Journalisten eine aufregende Zeit. Es herrschte eine Aufbruchstimmung, Freiheiten waren möglich, die Menschen waren demokratiefähig.

Ich habe natürlich auch die Bilder von den Massendemonstrationen 2011 im Kopf. Hunderttausende waren auf den Straßen und schrien: „Putin muss weg!“

Meine russischen Freunde sind auch heute keine Putin-Anhänger, sie verabscheuen und verdammen den Krieg. Aber sie sagen das nicht mehr laut, sondern lassen die Schultern hängen. Sie warten und hoffen, dass es irgendwann vorbei ist mit diesem Präsidenten.

Warum haben so viele Putin falsch eingeschätzt?

Putin war von Anfang an ein Machtmensch, der Russland wieder groß machen wollte. Viele Menschen, die zu den Verlierern der Wirtschaftsreformen gehörten, waren froh, dass nach Boris Jelzin ein starker junger Mann antrat, der das Land wieder nach vorne bringen wollte. Darin bestand Putins Popularität.

Gleichzeitig hat er vom ersten Tag an die russische Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf sich zugeschnitten. Er hat jegliche Konkurrenz beiseite geschafft, und zwar ziemlich schnell. Er hat die Gouverneure entmachtet und die Parteienvielfalt durch massive Wahlmanipulationen zerstört. Anschließend hat er die Massenmedien, allen voran das Fernsehen, auf Linie gebracht.

Im Westen dachten viele: Vielleicht braucht Russland einen starken Politiker. Eine autoritäre Regierung ist immer noch besser als ein Machtvakuum oder Unruhen. Die Wirtschaftsbeziehungen sollten nicht gefährdet werden.

Viele westliche Politiker sind erst aufgeschreckt, als Putin bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 plötzlich Drohungen aussprach. Aber die Empörung versickerte schnell. Selbst nach der Annexion der Krim gab es ein noch gewisses Verständnis.

Nach Ihrer Zeit in Russland waren Sie für WDR-Sendungen wie Monitor und „Die Story“ verantwortlich. Für Ihre Arbeit erhielten Sie mehrfach den Marler Medienpreis, unter anderem für einen Beitrag über den Tod von Oury Jalloh in einer Polizeiwache in Dessau.

Der Fall von Oury Jalloh hat mich damals zutiefst gepackt, denn ich hatte eine simple Frage und eine einfache Motivation: Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch in einer Polizeizelle in Deutschland einfach so verbrennt. Warum wird das nicht aufgeklärt?

Wir haben diesen Fall bei „Monitor“, aber auch in der Reihe „Die Story“ immer wieder aufgegriffen. Bei mir hat das starke Zweifel am Rechtsstaat ausgelöst.

Ist es nicht frustrierend zu sehen, dass sich wie im Fall von Oury Jalloh auch 15 Jahre später nicht viel geändert hat?

Natürlich könnte man resignieren und sagen: Aufklärung nützt nichts, es passiert immer wieder dasselbe, die Menschen lernen nicht dazu. Da, wo ein Licht auf ein Verbrechen oder eine Menschenrechtsverletzung fiel, wurde es ziemlich schnell auch wieder zappenduster.

Aber wer, wenn nicht wir, soll sich um Aufklärung kümmern?

Also NGOs wie Amnesty, aber natürlich auch kritische Journalisten. Wenn man nur eine einzelne Geschichte aufdeckt, wenn man eine einzelne Person rettet, wenn man einen einzelnen Umstand verbessert, dann hat sich schon viel gelohnt.

Inzwischen sind die Formate von Joko und Klaas oder Jan Böhmermann populär, die eigentlich eher für Unter- haltung stehen, aber auch investigative und politische Beiträge haben. Sind die eine Konkurrenz für die klassischen Polit-Magazine?

Ich finde Jan Böhmermann fabelhaft. Er macht immer mehr investigative Geschichten. Ich war besonders angetan von seiner Sendung über das Schwarzfahren. Wer kein Geld hat, um die Strafe zu bezahlen, kommt irgendwann ins Gefängnis – was absurd ist, weil man dort erst recht nichts bezahlen kann. Und diese Strafe kostet den Staat täglich sehr viel mehr Geld, als er durch das verhängte Bußgeld eingenommen hätte.

Böhmermann hat diese Fälle aus allen Winkeln betrachtet – aus wirtschaftlicher, juristischer und historischer Perspektive. Offensichtlich stammt das entsprechende Gesetz noch aus der Nazizeit. Am Ende ging es sehr praktisch darum, Geld zu sammeln, um Leute aus dem Gefängnis zu holen. Das war für mich absolut rund und fantastisch.

Ist das eine Konkurrenz für „Monitor“? Nein. Ich hätte vielleicht das Thema mit einem Beitrag erweitert, hätte Politiker gefragt: Warum tut ihr nichts dagegen, warum gibt es zum Beispiel keinen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr?

Beim Marler Medienpreis vergeben in diesem Jahr erstmals auch Amnesty-Jugendgruppen eine Auszeichnung, also Menschen, die zumeist kein lineares Fernsehen mehr schauen…

Ich glaube auch nicht, dass sich viele Jugendliche am Donnerstagabend vor den Fernseher setzen, um „Monitor“ anzusehen. Aber dafür gibt es ja Mediatheken. Und wir müssen gleichzeitig auf vielen Plattformen präsent sein.

Das ist für Ältere oft schwieriger, für die Jüngeren hingegen eine Selbstverständlichkeit. Sie haben vielleicht kein so großes Interesse am Fernsehen, aber dann ploppt irgendeine „Monitor“-Recherche auf den üblichen Plattformen auf. Und siehe da, sie nehmen es wahr, finden es gut und erzählen es weiter. Was will man mehr?

Was zeichnet eine gelungene Dokumentation oder einen Magazinbeitrag aus?

Hatte der Beitrag eine Wirkung? Ist irgendjemand aufgeschreckt? Ein Unrecht wurde deswegen vielleicht nicht sofort abgeschafft, aber wurde darüber diskutiert? Flossen die Erkenntnisse in eine Bundestagsdebatte ein? Wurde jemand dadurch aus einem Gefängnis geholt? Hat der Beitrag motiviert, so dass Aktivisten oder Journalisten sehen, dass ihre Arbeit wahrgenommen wird?

Wir haben Werte, die immer wieder verteidigt und umgesetzt werden müssen. Und Medienschaffende sind dafür da, dass die Demokratie immer wieder Sauerstoff bekommt und nicht eines Tages völlig ausgehöhlt und schwach ist.

Öffentliche Aktion während der Jahresversammlung von Amnesty International in Köln, Pfingsten 2022
Sie haben zu Beginn Ihrer journalistischen Karriere über Punk und Musikerinnen wie Patti Smith geschrieben. Vermissen Sie solche Rebellen heute?

Die heutigen Rebellen sind in der Tat nicht laut. Sie rotzen ihre Wut nicht mehr so heraus wie in meiner Generation. Braucht man das? Ich finde ja. Ich finde Regelverstöße, auch im Individuellen, fruchtbar.

Natürlich ist es schwierig, etwas zu bewegen und gleichzeitig das System, das bewegt werden soll, völlig infrage zu stellen. Das ist eine etwas schizophrene Situation.

Aber ich persönlich neige eher dazu, zu sagen: Seid nicht zu nett! Seid nicht zu höflich! Versucht, Verständnis zu gewinnen, und ab einem bestimmten Punkt, wenn es gar nicht klappt, seid radikal.

Sonia Seymour Mikich wurde 1951 in Großbritannien geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie arbeitete ab 1992 als Korrespondentin in Moskau und leitete später das ARD-Studio in Paris. Ab 2002 moderierte sie das Polit-Magazin Monitor. Von 2014 bis 2018 war sie Chefredakteurin Fernsehen beim Westdeutschen Rundfunk (WDR). Sie lebt in Köln.

„Öffentlichkeit, Öffentlichkeit, Öffentlichkeit – ist der größte moralische Machtfaktor in unserer Gesellschaft.“

Joseph Pulitzer

Ungarisch-Amerikanischer Journalist, Herausgeber und Zeitungsverleger

DIE IDEE

In dieser Zeit, überflutet von Informationen, wollen wir diejenigen hervorheben, die uns im Sinne der Menschenrechte wichtig sind.

Hierzu honorieren wir die Arbeit der Menschen, die Informationen sammeln, diese Ergebnisse zu Papier bringen, für den Hörfunk vorbereiten oder sie in Bilder und Filme umsetzen.

Das ist die Idee für den Marler Medienpreis Menschenrechte.

DER PREIS

Der MARLER MEDIENPREIS MENSCHENRECHTE wird seit 2001 als nicht dotierter Preis von AMNESTY INTERNATIONAL vergeben, zunächst für Fernsehbeiträge, 2012 erstmals für Radiosendungen und 2016 sowie 2018 auch für Printmedien. Vom diesjährigen Wettbewerb an wollen wir neben den genannten Bereichen auch die Präsentationsformen im Internet einbeziehen.

Erstmals schreibt AMNESTY INTERNATIONAL im Rahmen des m3 einen Preis der AMNESTY JUGEND aus.
Der m3 würdigt Beiträge, die in außergewöhnlicher Weise das Thema Menschenrechte behandeln, durch eine aufrüttelnde Nachricht, nachhaltige Dokumentation oder die gelungene Umsetzung des Themas in eine fiktive Handlung. Aber auch die überzeugende Darstellung oder Sprecherleistung, ein außergewöhnliches Interview oder ein bemerkenswerter Kommentar können dazu zählen dazu.

„Menschenrechte sind nicht alles, aber ohne Menschenrechte ist alles Nichts.“

Gerd Ruge

Journalist, Mitbegründer von Amnesty International Deutschland und Ehrenpreisträger 2011

DIE JURYS

Die Jurys bilden sich aus Mitgliedern von AMNESTY INTERNATIONAL.

Ihre Erfahrung in der Arbeit für die Menschenrechte ist die Basis ihrer Entscheidungen

LEITLINIEN

Leitlinien bei der Beurteilung sind die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und die Grundsätze von AMNESTY INTERNATIONAL.

AMNESTY INTERNATIONAL
Marler Medienpreis Menschenrechte
Postfach 100227
45802 Gelsenkirchen

marler-medienpreis at amnesty.de